Singapur meets Walldürn – Praxistraining für die Kreislaufwirtschaft von morgen
Nachhaltiger Wandel funktioniert nicht im Alleingang. Die Vision einer Welt ohne Abfall lässt sich nur verwirklichen, wenn Recycling und Ressourcenschonung global gedacht und weiterentwickelt werden. Beispiel Verpackungsrecycling: Um die Kreislaufführung von Wertstoffen und den Einsatz von Rezyklaten international voranzubringen, braucht es ein gemeinsames Verständnis und einheitliche Qualitätsstandards. Als europäischer Innovationsführer im Bereich Sortierung und Recycling fördert Interzero daher den Know-how-Transfer – auch über die Grenzen des Kontinents hinaus. Vor allem mit der eng verbundenen ALBA Group Asia findet ein reger fachlicher und persönlicher Austausch statt. Warum es so wertvoll ist, vor Ort praktische Erfahrungen zu sammeln, erläutert Claire Tham (26), Trainee bei ALBA in Singapur. Im Rahmen eines zweijährigen Programms lebt und arbeitet die junge Ingenieurin in Deutschland, um bei Interzero modernste Technologien und Verfahren der Materialsortierung kennenzulernen.
Von Singapur nach Walldürn ist es ein großer Schritt – beruflich wie persönlich. Was hat Sie an dem Trainingsprogramm bei Interzero besonders gereizt?
Ich wollte schon immer einen Job, bei dem ich meine technischen Fähigkeiten einsetzen und etwas Positives bewirken kann. Meine ersten Berührungspunkte mit dem Recycling hatte ich durch ein Projekt mit einem kleinen Start-up, das gebrauchte Kunststoffe in neue Produkte verwandelt. Die Arbeit mit recycelten Materialien hat mein Interesse an diesem Bereich geweckt. Als ich die Chance erhielt, an dem Ausbildungsprogramm von Interzero teilzunehmen, musste ich einfach zugreifen! Deutschland ist für seine Ingenieurskompetenz bekannt – hier zu lernen, wie man eine Materialsortieranlage entwirft und betreibt, ist eine einmalige berufliche Chance. Und natürlich eine tolle Gelegenheit, das Leben außerhalb von Singapur kennenzulernen.
Welche Stationen durchlaufen Sie bei Interzero – und welche Erfahrungen haben Ihr Verständnis von Recycling und Kreislaufwirtschaft bisher am stärksten verändert?
Vom Bedienen der Ballenpressen bis zum Steuern der Maschinen aus dem Kontrollraum: In der Materialsortieranlage von Interzero in Walldürn habe ich sämtliche Stationen und Prozesse von Grund auf kennengelernt. Dies war sehr wichtig, um mein Verständnis für die beteiligten Maschinen, häufig auftretende betriebliche Herausforderungen und wichtige Überlegungen bei der Planung neuer Anlagen zu vertiefen. Es hat auch meine Denkweise als Verbraucherin verändert und mir gezeigt, wie sich Produktdesign und Verbraucherverhalten direkt auf die Sortiereffizienz und Recyclingfähigkeit auswirken können. Diese Erfahrung hat mir vor Augen geführt, wie viel Potenzial für Innovationen in der gesamten Kreislaufwirtschaft steckt.
Viele Entscheidungen im Anlagenbau werden am Schreibtisch getroffen. Warum ist das ergänzende „Hands-on-Training“ so wichtig?
Ich bin fest davon überzeugt, dass praktische Schulungen unerlässlich sind, um eine effektive Anlage zu entwerfen. Maschinenkataloge, Berechnungen und Anlagenentwürfe basieren oft auf Theorie und Best-Case-Szenarien, aber Abfallströme sind nun mal unvorhersehbar. Durch die Beobachtung der Abläufe aus erster Hand wird deutlich, wie sich Materialien und Maschinen unter realen Betriebsbedingungen tatsächlich verhalten. Die praktische Erfahrung des gesamten Prozesses hilft mir, Designentscheidungen neu zu bewerten und zu erkennen, wie Anlagen praxistauglicher und widerstandsfähiger gestaltet werden können.
Welche konkreten Erkenntnisse oder Lösungsansätze würden Sie gern für künftige Projekte in Asien nutzen?
Da ich meine Karriere hier in Deutschland gerade erst begonnen habe, kann ich die Übertragbarkeit von Recyclinglösungen noch nicht mit Sicherheit bewerten – zumal sich das Klima und die Zusammensetzung der Abfallströme stark unterscheiden können. Was ich mir jedoch für Singapur vorstellen kann, ist definitiv eine stärkere Verlagerung von manuellen zu automatisierten Abläufen in Materialsortieranlagen. Sicher ist, dass ich den Prozessdesign-Ansatz, den ich in Deutschland kennengelernt habe, übernehmen werde. Dieser beginnt mit einer gründlichen Bewertung und einem umfassenden Verständnis des Ausgangsmaterials und des angestrebten Outputs. Dann folgt ein iterativer Prozess, in dem die erforderlichen Sortierschritte entworfen und durch eine Reihe von Versuchen und Simulationen optimiert werden, um am Ende die bestmöglichen Ergebnisse zu erzielen.
Internationale Zusammenarbeit bedeutet auch, sich mit unterschiedlichen Perspektiven, Denkweisen und Arbeitskulturen auseinanderzusetzen. Wie hat Sie das persönlich weitergebracht – und was können Singapur und Walldürn voneinander lernen?
Um nur ein Beispiel zu nennen: Meetings werden hier oft mit einer persönlichen Frage eingeleitet – man fragt, wie das Wochenende war oder wie es jemandem geht. Das mag unbedeutend erscheinen, schafft aber ein Gefühl von Wärme und Verbundenheit. Da ich aus Singapur komme, wo das Schul- und Arbeitsumfeld oft schnelllebig und auf Effizienz ausgerichtet ist, empfand ich das anfangs als anders. Persönlich hat mir diese Erfahrung geholfen, zu erkennen, dass starke Beziehungen tatsächlich die Produktivität und Teamarbeit verbessern können. Walldürn könnte von Singapur etwas über Agilität, Effizienz und strukturierte Umsetzung in schnelllebigen Umgebungen lernen. Gleichzeitig könnte Singapur einen noch stärkeren Fokus auf Vertrauen, Work-Life-Balance und persönliche Beziehungen im Arbeitsumfeld legen.
Sie kommen aus einer Metropole mit 6 Millionen Einwohnern. Was ist Ihr persönliches Highlight in der baden-württembergischen Kleinstadt Walldürn?
Die ruhige Atmosphäre und die Herzlichkeit der Menschen. Das Leben hier scheint viel langsamer zu verlaufen, was für mich sehr erfrischend ist und mir hilft, mehr im Moment zu leben. Außerdem die Nähe zur Natur: Da ich aus einem tropischen Land komme, war es für mich ein wirklich magisches Erlebnis, zum ersten Mal alle vier Jahreszeiten zu erleben. Oder Kühe aus nächster Nähe zu sehen und frische Milch direkt vom Bauernhof zu kaufen. Bis heute freue ich mich jedes Mal, wenn ich im Vorbeifahren Pferde oder Kühe auf der Weide sehe!