„Elektroschrott zählt zu den am schnellsten wachsenden Abfallströmen weltweit. Das wollen wir ändern!“ – Patrick Marscholl von der Telekom im Interview
Mit dem Neustart des Handysammelcenters schaffen die Deutsche Telekom und Interzero eine Lösung für die Millionen nicht mehr genutzter Handys und Tablets, die in deutschen Schubladen liegen. Ziel ist es, wertvolle Rohstoffe im Kreislauf zu halten, Geräte möglichst weiterzuverwenden und gleichzeitig eine sichere Rücknahme nicht mehr genutzter Mobilgeräte zu ermöglichen. Dabei wird bei jedem Gerät geprüft, ob es weiterverwendet werden kann oder als Rohstoffträger recycelt wird.
Interzero übernimmt dabei alle Schritte der Prozesskette. Von der Bereitstellung der Sammelinfrastruktur und der Logistik über die zertifizierte Datenlöschung bis zur Wiederaufbereitung, Weitervermarktung oder dem fachgerechten Recycling mit einem zertifizierten Partner.
Das Handysammelcenter ist Teil der Nachhaltigkeitsstrategie der Telekom, die u. a. auf Kreislauffähigkeit und einen verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen entlang der gesamten Wertschöpfungskette fokussiert.
Im Expertengespräch tauschen sich Dirk Krolikowski, Geschäftsführer der Interzero Product Cycle und Patrick Marscholl, Senior Manager ESG bei der Telekom Deutschland zu Nachhaltigkeit im IT-Sektor und Ressourcenschonung aus und sprechen darüber, warum Klimaschutz und gesellschaftliches Engagement bestenfalls Hand in Hand gehen.
Was genau leistet das Handysammelcenter der Telekom?
Patrick Marscholl: Mit dem Handysammelcenter bieten wir eine einfache Möglichkeit, nicht mehr genutzte Mobiltelefone und Tablets in den Kreislauf zurückzubringen und wertvolle Rohstoffe bestmöglich zu nutzen. So stellen wir sicher, dass jedes Gerät überprüft wird – entweder wird es aufbereitet und weitergenutzt oder in Deutschland fachgerecht recycelt.
Dirk Krolikowski: Schubladenhandys und ausgemusterte Unternehmensgeräte haben einen Wert und können sicher verwertet werden. Handys oder Tablets, die über das Handysammelcenter zurückgegeben werden, sind für den Kreislauf nicht verloren und stehen für einen ressourcenschonenden Umgang mit Alt-IT. Und auch in Sachen Datensicherheit ist das Handysammelcenter ein absolut verlässlicher Weg.
Das Handysammelcenter gibt es seit 2003. Was hat sich mit dem Neustart verändert?
Patrick Marscholl: Mit unserem neuen Partner Interzero haben wir die Sammelprozesse optimiert: die neue Kartonsammelbox ermöglicht den sicheren Versand der Geräte per DHL und für Sammlungen mit einer großen Stückzahl kann Interzero auch feuerfeste Boxen zur Verfügung stellen. Was uns besonders gefreut hat, ist das Interesse unserer bisherigen Kooperationspartner – fast alle Organisationen, insgesamt 12 – werden gemeinsam mit uns weiter sammeln.
Warum lohnt sich das Sammeln alter Handys?
Dirk Krolikowski: Handys sind ökologisch besonders relevant, weil sie einerseits sehr rohstoffintensiv sind und andererseits oft kurze Nutzungszyklen haben. Für die Herstellung eines Smartphones werden im Verhältnis zur Produktgröße ein beträchtlicher Teil an Ressourcen gebraucht. Eine Studie des Fraunhofer Institut UMSICHT zeigt: Durch professionelles IT-Remarketing lassen sich Treibhausgasemissionen um bis zu 37 Prozent reduzieren. Nachhaltigkeit im IT-Sektor heißt daher aus unserer Sicht vor allem: Lebensdauer verlängern und Materialkreisläufe schließen.
Patrick Marscholl: Allein aus den rund 200 Millionen Smartphones, Handys und Tablets die ungenutzt in den Schubladen in Deutschlands Haushalten liegen, ließen sich rechnerisch rund drei Tonnen Gold, 20 Tonnen Silber und etwa 1.300 Tonnen Kupfer zurückgewinnen. Das Handysammelcenter leistet damit einen konkreten Beitrag zum sogenannten „Urban Mining“ – der Rückgewinnung wertvoller Rohstoffe aus gebrauchten Produkten.
Viele Menschen wissen zwar, dass alte Geräte nicht in die Schublade gehören, geben sie aber trotzdem nicht ab. Woran liegt das?
Patrick Marscholl: Die häufigsten Gründe sind die Annahme, das Gerät könnte noch einmal gebraucht werden, Bequemlichkeit, Unsicherheit beim Datenschutz und fehlendes Wissen über Rückgabemöglichkeiten. Viele Menschen unterschätzen auch den materiellen Wert alter Geräte oder denken, ein einzelnes Handy mache keinen Unterschied. Deshalb braucht es einfache Prozesse, klare Information zur Datenlöschung und eine Kommunikation, die zeigt: Jedes Gerät zählt.
Stichwort Datensicherheit: Diese ist für viele Menschen ein zentrales Hindernis, ihr altes Gerät abzugeben. Wie adressiert das gemeinsame System dieses Problem?
Dirk Krolikowski: Datenschutz ist ein ganz wichtiges Thema beim Handysammelcenter. Jedes Gerät, das weiter genutzt wird, durchläuft bei Interzero einen DSGVO-konformen Datenlöschprozess nach internationalen Sicherheitsstandards. Die Löschung erfolgt mithilfe der marktführenden Software Blancco gemäß aktuellem, zertifiziertem Verfahren. Als Blancco Platinum Partner gewährleistet Interzero eine revisionssichere, dokumentierte und nachweisbare Datenvernichtung nach den Vorgaben des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI).
Welche Rolle spielt das Handysammelcenter in der Nachhaltigkeitsstrategie der Deutschen Telekom?
Patrick Marscholl: Wir orientieren uns bei der Telekom an ambitionierten Zielen im Bereich ESG (Environment, Social, Governance). Dazu zählt, dass wir bis zum Jahr 2030 50 Prozent der Geräte, die wir in Deutschland in den Markt bringen, auch zurücknehmen wollen. Damit gehen wir weit über unsere gesetzliche Verpflichtung hinaus. Zur Erreichung dieses Ziels trägt das Handysammelcenter – neben weiteren Maßnahmen der Telekom – bei.
Und welche sind die größten Treiber für Nachhaltigkeit im IT-Sektor?
Patrick Marscholl: Um langfristig genug Rohstoffe für unsere Produkte zur Verfügung zu haben, müssen wir mobile Geräte wie Smartphones und Tablets länger nutzen und mehr gebrauchte Produkte in den Wirtschaftskreislauf zurückbringen. Dazu leistet das „Urban Mining“ einen wichtigen Beitrag. Nach dem Motto „Reduce. Reuse. Recycle“ sollten alle Geräte möglichst lange genutzt, repariert oder weitergegeben werden, bevor sie recycelt werden. Aktuell gehört der Elektroschrott zu den am schnellsten wachsenden Abfallströmen weltweit – das müssen wir gemeinsam ändern.
Der IT-Sektor steht für Innovation, aber oft auch für hohen Ressourcenverbrauch und kurze Produktzyklen. Wie lässt sich dieser Widerspruch auflösen?
Dirk Krolikowski: Technologischer Fortschritt und Nachhaltigkeit müssen kein Widerspruch sein, wenn Produkte von Anfang an zirkulär gedacht werden. Dazu gehören langlebiges Design, Reparierbarkeit, standardisierte Komponenten, gute Ersatzteilversorgung und funktionierende Rücknahme- und Wiederverwertungssysteme. Daher führt der Weg vom linearen Modell hin zu einem System, in dem Materialien dauerhaft im Umlauf bleiben.
Das Handysammelcenter verbindet Umweltaspekte mit gesellschaftlichem Engagement. Warum ist es wichtig, Klimaschutz und Bildungsmaßnahmen zusammenzudenken? Und welche Rolle spielt die Zusammenarbeit mit den Kooperationspartnern?
Dirk Krolikowski: Nachhaltigkeit umfasst immer ökologische, ökonomische und gesellschaftliche Dimensionen. Echte Wirkung entsteht, wenn diese Ebenen zusammenkommen. Wenn Sammel- und Kreislauflösungen zugleich gesellschaftliche Projekte unterstützen, wird Nachhaltigkeit greifbar und der Mehrwert sichtbar.
Patrick Marscholl: Die Kooperationspartner des Handysammelcenters engagieren sich in verschiedenen gesellschaftlich wichtigen Themen: vom Artenschutz im Regenwald über Umweltbildung bis zur Unterstützung von Kindern, die auf einer Elektroschrotthalde in Ghana leben. Über das gemeinsame Handysammeln können sehr anschaulich Zusammenhänge der Globalisierung vermittelt werden – vom Rohstoffabbau in Afrika bis zur Fertigung in Asien und der Nutzung in Europa. Alle Kooperationspartner sind aktiv in der Bildungsarbeit – dadurch verstehen die Spenderinnen und Spender der Geräte besser, warum es wichtig ist, die Geräte nicht in der Schublade verstauben zu lassen.
Was erhoffen Sie sich von der Zusammenarbeit langfristig? Wo soll das Handysammelcenter in fünf Jahren stehen?
Patrick Marscholl: Wir wollen jedes Jahr die Menge an zurückgenommenen Handys, Smartphones und Tablets über das Handysammelcenter steigern, um unsere Rücknahmeziele zu erreichen. Dabei werden wir auch mit neuen Kooperationspartnern innovative Sammelaktionen entwickeln. Mit Interzero werden wir u. a. weiter an optimalen Logistik- und Recyclinglösungen arbeiten. Es gibt noch viel zu tun, um Deutschlands Schubladen zu leeren.