Chemisches Recycling bleibt teurer als Neuware. Warum die Technologie trotzdem unverzichtbar ist
Eine aktuelle Studie des Joint Research Centre (JRC) der Europäischen Kommission kommt zu einem klaren Ergebnis: Chemisches Kunststoffrecycling wird auf absehbare Zeit nicht mit den Kosten von Kunststoffneuware (Virgin) konkurrieren können. Die untersuchten Verfahren, insbesondere Pyrolyse und Solvolyse, bleiben aufgrund der zusätzlichen Verarbeitungs- und Aufbereitungsschritte wirtschaftlich anspruchsvoll. Für die Zukunft der Kreislaufwirtschaft ist damit jedoch längst nicht alles gesagt. Denn die eigentliche Frage lautet nicht, ob chemisches Recycling günstiger ist als Neuware. Sondern ob Europa es sich leisten kann, auf zusätzliche Recyclingkapazitäten zu verzichten. „Wer chemisches Recycling allein über die Produktionskosten bewertet, greift zu kurz. Entscheidend ist auch, welche Primärressourcen dadurch ersetzt und welche Abfallströme überhaupt wieder in den Kreislauf zurückgeführt werden können“, sagt Dr. Richard von Goetze, Director Corporate Development bei Interzero.
Nicht entweder oder, sondern sowohl als auch
Die Diskussion über chemisches Recycling wird häufig als Konkurrenz zum mechanischen Recycling geführt. Tatsächlich zeigt die Praxis ein anderes Bild. Mechanisches Recycling bleibt überall dort die bevorzugte Lösung, wo Kunststoffe hochwertig und effizient werkstofflich verwertet werden können. Chemisches Recycling soll diese Stoffströme nicht ersetzen, sondern ergänzen. Sein Potenzial liegt insbesondere bei Kunststofffraktionen, die heute aufgrund ihrer Zusammensetzung, Verschmutzung oder Materialverbunde nur eingeschränkt oder gar nicht mechanisch recycelbar sind. „Jeder Kunststoff, der hochwertig mechanisch recycelt werden kann, sollte auch mechanisch recycelt werden. Chemisches Recycling als komplementäre Technologie setzt dort an, wo die technischen Grenzen des mechanischen Recyclings erreicht sind“, so von Goetze. Damit folgt die Technologie einem klaren Ziel: zusätzliche Mengen in den Kreislauf zu bringen oder vor der Verbrennung zu retten, anstatt bestehende Recyclingströme umzulenken.
Der Rohstoff von morgen landet heute noch in der Verbrennung
Genau hierin liegt auch die Antwort auf die häufig geäußerte Sorge, dass eine wachsende Konkurrenz um Kunststoffabfälle entstehen könnte. Der größte Hebel liegt nicht bei den bereits etablierten Recyclingströmen, sondern bei den Abfällen, die gegenwärtig noch thermisch verwertet werden. Verbundmaterialien, stark gemischte Kunststofffraktionen oder andere schwer verwertbare Stoffströme landen heute weitestgehend noch in der Verbrennung. So zeigt die Ökobilanz der dualen Systeme beispielsweise, dass in der Vergangenheit rund 75 Prozent der aussortierten Mischkunststoffe energetisch verwertet wurden. Chemisches Recycling eröffnet die Möglichkeit, zumindest einen Teil dieser Mengen künftig als Rohstoffquelle zu nutzen. „Die wichtigste Ressource für das chemische Recycling sind nicht die Wertstoffe, die heute schon erfolgreich mechanisch recycelt werden. Die eigentliche Chance liegt in den Kunststofffraktionen, die bislang keinen Weg zurück in den Kreislauf finden und bisher in der Verbrennung landen“, sagt von Goetze.
Ohne hochwertigen Feedstock keine Kreislaufwirtschaft
Die JRC-Studie verweist zudem auf einen weiteren Punkt: Die Qualität des eingesetzten Ausgangsmaterials ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor für die Wirtschaftlichkeit und Leistungsfähigkeit chemischer Recyclingverfahren. Deshalb gewinnt die gezielte Aufbereitung geeigneter Stoffströme zunehmend an Bedeutung. Ein Beispiel dafür ist das Joint Venture von Interzero und OMV in Walldürn. Dort steht eine der größten Nachsortieranlagen Europas für chemisches Recycling. Ziel ist es, gemischte Kunststoffabfälle aus der Sortierung des Gelben Sacks in Deutschland so aufzubereiten, dass sie als hochwertiger Rohstoff für nachgelagerte Recyclingprozesse genutzt werden können.
„Die Qualität des Inputmaterials entscheidet maßgeblich über die Qualität des Outputs. Deshalb investieren wir entlang der gesamten Sortierprozesskette. Chemisches Recycling braucht hochwertigen Feedstock und genau diesen schaffen wir durch moderne Nachsortierung“, erläutert Thomas Herkert, Senior Vice President bei Interzero.
Anerkennung schafft Investitionssicherheit
Die Studie der Europäischen Kommission unterstreicht: Regulatorische Rahmenbedingungen werden eine zentrale Rolle für die Entwicklung des Marktes spielen. Rezyklatquoten und europäische Vorgaben werden die Nachfrage nach chemisch erzeugten Rezyklaten deutlich erhöhen. Gleichzeitig bleibt die Wirtschaftlichkeit für Investoren eine Herausforderung. Für einen weiteren industriellen Hochlauf müssen die Verfahren skaliert werden. Dafür braucht es insbesondere verlässliche regulatorische Rahmenbedingungen. Dazu gehört insbesondere die Anerkennung der Massenbilanzierung. Als Nachweismethode ermöglicht sie die Zuordnung recycelter Rohstoffe entlang komplexer petrochemischer Wertschöpfungsketten. Nur wenn regulatorische Anerkennung, Skalierung und Marktanreize zusammenspielen, können Investitionen in neue Kapazitäten langfristig abgesichert werden.
Bei der regulatorischen Anerkennung chemisch erzeugter Rezyklate sollte unbedingt auch das Ausgangsmaterial berücksichtigt werden. Rezyklate aus chemischen Verfahren können die Rezyklatlücke verkleinern, sollten aber gleichzeitig nicht das mechanische Recycling kannibalisieren. „Wir brauchen einen regulatorischen Rahmen, der technologische Realität und Kreislaufwirtschaft zusammenbringt. Mechanisches Recycling hat immer Vorrang. Aber die Stoffströme, die heute überwiegend verbrannt werden, müssen substanziell zur Erfüllung von Rezyklatquoten aus der PPWR beitragen können“, fordert von Goetze. Einen weiteren Hebel sieht von Goetze in einer stärkeren Berücksichtigung chemischen Recyclings im Verpackungsrecht. Es brauche einen Anteil, der über die bislang vorgesehenen fünf Prozent für weitere Recyclingverfahren hinausgehe.
Eine solche Anerkennung würde nicht nur die Rückführung zusätzlicher Kunststoffmengen ermöglichen, sondern auch Investitionssicherheit für Unternehmen schaffen, die in neue Sortier- und Recyclingkapazitäten investieren.
Kreislaufwirtschaft braucht alle verfügbaren Lösungen
Die JRC-Studie zeigt vor allem eines: Chemisches Recycling ist kein Allheilmittel. Es wird Neuware kurzfristig nicht preislich ersetzen können und auch mechanisches Recycling nicht verdrängen. Gleichzeitig kann es eine entscheidende Lücke schließen und bislang verlorene Stoffströme für den Kreislauf nutzbar machen. Angesichts wachsender Ressourcenknappheit und der Auswirkungen des Klimawandels wird die Frage künftig nicht sein, welche Recyclingtechnologie sich durchsetzt. Eine funktionierende Kreislaufwirtschaft entsteht nicht durch ein einzelnes Verfahren. Sie entsteht, wenn jede Technologie dort eingesetzt wird, wo sie den größten Beitrag zur Ressourcenschonung leisten kann.
Quellen:
JRC Publications - Economic viability of chemical recycling
Ökobilanz zu den Leistungen der dualen Systeme im Bereich des Verpackungsrecyclings | oeko.de