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Interzero­

„Rezyklate sind kein Kompromiss mehr – sie sind strategischer Rohstoff.“

Rezyklate galten lange als Kompromiss: ökologisch sinnvoll, aber technisch und wirtschaftlich oft zweite Wahl. Dieses Bild verändert sich derzeit: langsam, aber stetig.

Regulatorische Vorgaben in Europa werden verschärft, CO₂-Reduktion wird zur wirtschaftlichen Kenngröße, und Transparenz entlang der Wertschöpfungskette wird zunehmend zur Voraussetzung für den Marktzugang. Recycelte Kunststoffe entwickeln sich vom Abfallprodukt zum strategischen Rohstoff.

Wir ordnen aktuelle Entwicklungen ein und sprechen im Interview mit Patrick Neumann, Director Product Management bei Interzero, über Qualitätsanforderungen, Datentransparenz, die Rolle von mechanischem und chemischem Recycling – und darüber, warum Rezyklate zunehmend eine eigenständige Wertigkeit entwickeln.

Vom Abfall zur Ressource: ein Perspektivwechsel

Die Sprache der Branche verändert sich. Statt ausschließlich von Abfallmanagement ist zunehmend von Ressourcenmanagement und Kreislaufwirtschaft die Rede. Dieser Wandel ist mehr als reine Semantik.

Marken und Hersteller stellen heute andere Fragen:

  • Wie können wir Rezyklatanteile erhöhen, ohne Performance-Einbußen zu riskieren?
  • Wie sichern wir stabile, qualitativ hochwertige Lieferketten?
  • Wie zahlen Rezyklate auf unsere Klima- und ESG-Ziele ein?

 

Gleichzeitig bleibt die Realität komplex. Die Qualität und Verfügbarkeit von Rezyklaten variieren regional. Regulatorische Vorgaben wie Rezyklateinsatzquoten oder Ökodesign-Anforderungen erhöhen den Druck. Investitionen in Sortier- und Recyclingtechnologien müssen sich wirtschaftlich tragen – auch bei volatilen Rohstoffmärkten.

Doch die Richtung ist klar: Zirkularität wird zunehmend Teil unternehmerischer Resilienzstrategien.

Qualität als Schlüssel 

Eine zentrale Herausforderung bleibt die Qualitätswahrnehmung. Viele Unternehmen fragen sich weiterhin, ob Rezyklate die gleiche Leistungsfähigkeit wie Neuware erreichen können.

Durch fortschrittliche Sortiertechnologien, spezifikationsgetriebene Aufbereitung und kontinuierliche Forschung lassen sich heute in vielen Anwendungen vergleichbare Materialeigenschaften erzielen, etwa bei Polyolefinen aus haushaltsnahen Sammelsystemen. Dennoch gilt: Nicht jede Fraktion ist für jede hochwertige Anwendung geeignet. Der Fortschritt bedeutet daher nicht, Neuware vollständig zu ersetzen, sondern die Leistungsdifferenz systematisch zu verringern – technologisch wie strukturell.

Daten als Qualitätsmerkmal

Mit Instrumenten wie dem Digitalen Produktpass wird Transparenz zur neuen Normalität. Neben mechanischen Eigenschaften gewinnen Herkunftsnachweise, CO₂-Bilanzen und dokumentierte Recyclinganteile stark an Bedeutung.

Für Recycler bedeutet das: Materialqualität allein reicht nicht mehr aus. Vertrauen entsteht durch belastbare Daten, nachvollziehbare Lieferketten und zertifizierte Prozesse. Qualität und Daten werden zunehmend gemeinsam gedacht. 

Mechanisches und chemisches Recycling: Klare Rollen statt Konkurrenz

Die Debatte um mechanisches und chemisches Recycling wird häufig als Konkurrenzdiskussion geführt. Tatsächlich aber erfüllen beide Technologien unterschiedliche Funktionen.

Mechanisches Recycling ist ideal für gut sortierte, homogene Stoffströme. Chemisches Recycling kann gemischte oder verunreinigte Fraktionen verwerten, die mechanisch nicht effizient aufbereitet werden können.

Ein integrierter Ansatz aus moderner Sortierung, mechanischer Aufbereitung und ergänzenden chemischen Verfahren erhöht den Recycling-Output und reduziert die energetische Verwertung. 
 

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"Rezyklate werden zunehmend zu einer Voraussetzung für den Marktzugang"

Patrick Neumann

Patrick, wie hat sich das Kundenverständnis in den letzten Jahren entwickelt? Betrachten Hersteller und Marken recycelten Kunststoff schon als strategischen Rohstoff?

Wir beobachten zunehmend einen Wandel. Rezyklate werden mehr und mehr als strategische Rohstoffe verstanden – nicht mehr nur als Nebenprodukt. Marken beschäftigen sich intensiv damit, wie sie Rezyklate technisch sicher integrieren und gleichzeitig ihre Nachhaltigkeitsziele erreichen können. Auch wenn weiterhin Herausforderungen bestehen, wird Zirkularität zunehmend zu einem Bestandteil langfristiger Wettbewerbsfähigkeit, und recycelte Materialien werden verstärkt als Option zur Wertschöpfung verstanden.

Viele Marken haben Bedenken hinsichtlich der Qualität. Wie nah sind wir, diese Sorge zu entkräften?

Wir kommen diesem Ziel stetig näher. Rezyklate können heute in vielen Anwendungen vergleichbare Performance zu Neuware liefern. Entscheidend sind reproduzierbare Qualität, technische Dokumentation und stabile Versorgung.

procyclen® von Interzero kann dieselben anspruchsvollen Anforderungen erfüllen, die traditionell an Neumaterialien gestellt werden, sodass Marken selbstbewusst Produkte aus Rezyklat entwickeln können.

Gleichzeitig müssen wir realistisch bleiben: In einigen hochwertigen Anwendungen wird Neuware weiterhin dominieren. Unser Ziel ist es, die Einsatzbereiche kontinuierlich zu erweitern.

Welche Rolle spielt Datentransparenz?

Daten werden genauso wichtig werden wie die Materialeigenschaften. Herkunft, Recyclinganteil und CO₂-Fußabdruck sind strategische Faktoren. Der Digitale Produktpass macht diese Informationen systematisch verfügbar. Transparenz schafft Vertrauen und wird zunehmend zur Voraussetzung für Compliance.

Mechanisches oder chemisches Recycling – Konkurrenz oder Ergänzung?

Auf jeden Fall ergänzend. Das mechanische Recycling bleibt die zentrale Wahl für Monomaterialströme wie PE-, PP- und PET-Fraktionen. Chemisches Recycling erschließt zusätzliche Mengen aus komplexen Mischfraktionen und unterstützt Europa dabei, das gesamte Spektrum an Kunststoffabfällen effektiver zu bewältigen. Darüber hinaus ermöglicht es uns, Ressourcen zu nutzen, die sonst verloren gehen würden.

Können Rezyklate eine eigenständige Wertigkeit unabhängig vom Ölpreis entwickeln?

Wir bewegen uns langsam in diese Richtung. CO₂-Einsparungen, regulatorische Vorgaben und verpflichtende Rezyklatanteile schaffen eine strukturelle Nachfrage. Rezyklate werden zunehmend zu einer Voraussetzung für den Marktzugang.

Vollständig entkoppelt vom Ölpreis ist der Markt bei Weitem noch nicht, aber die Wertigkeit von Rezyklaten wird zunehmend durch Klimawirkung und Compliance bestimmt.

Patrick Neumann wird über dieses Thema auch auf der Go Circular Conference vom 24. bis 26. März 2026 in Mannheim sprechen.

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